03 Preismodelle

Preismodelle (Pricing Models)

Wie Optionen bewertet werden – von Black-Scholes bis Volatility Surface.

Das Black-Scholes-Modell (Black-Scholes-Merton)

Das 1973 von Fischer Black, Myron Scholes und Robert Merton entwickelte Modell bildet die theoretische Grundlage aller modernen Optionspreismodelle. Es berechnet den fairen Wert einer europäischen Option in geschlossener Form. Black und Scholes erhielten 1997 den Wirtschaftsnobelpreis dafür.

Formel für Call und Put

C = S · N(d₁) − K · e−rT · N(d₂)

P = K · e−rT · N(−d₂) − S · N(−d₁)
d₁ = [ ln(S/K) + (r + σ²/2) · T ] / (σ · √T)
d₂ = d₁ − σ · √T
SAktueller Kurs des Basiswerts (spot price)
KStrike Price (Ausübungspreis)
rRisikoloser Zinssatz, annualisiert (risk-free rate)
TRestlaufzeit in Jahren (time to expiry)
σAnnualisierte Volatilität des Basiswerts (sigma)
N(·)Kumulierte Standardnormalverteilung (CDF)
eEulersche Zahl (≈ 2.71828)
lnNatürlicher Logarithmus

Was d₁ und d₂ bedeuten

KomponenteBedeutungIn der Formel
N(d₂) Wahrscheinlichkeit, dass der Call bei Verfall ITM endet (risikoneutral) Bestimmt, wie stark K (Strike) gewichtet wird
N(d₁) Delta des Calls – Hedge-Ratio (≈ Wahrscheinlichkeit ITM, adjustiert) Bestimmt, wie stark S (Aktienkurs) gewichtet wird
K · e−rT Barwert des Strikes (present value of strike) Diskontiert den Strike auf heute
S · N(d₁) Erwarteter Wert der Aktie wenn ITM (abgesichert) „Was bekomme ich, wenn die Option ausgeübt wird?"

Put-Call-Parität (Put-Call Parity)

C − P = S − K · e−rT

Diese Arbitrage-freie Beziehung verknüpft Call- und Put-Preis. Sie gilt für europäische Optionen auf nicht-dividendenzahlende Basiswerte. Verletzungen werden von Market-Makern sofort arbitragiert.

Annahmen & Grenzen (Assumptions & Limitations)

Black-Scholes basiert auf vereinfachenden Annahmen, die in der Realität nie vollständig zutreffen. Das Modell ist trotzdem der Industriestandard – nicht weil es perfekt ist, sondern weil es eine gemeinsame Preissprache (IV) schafft.

✗

Konstante Volatilität – Das Modell nimmt an, dass σ über die Laufzeit konstant ist. In der Realität schwankt die IV stark (volatility clustering). Dies erklärt den Volatility Smile (→ Abschnitt unten).

✗

Lognormale Renditeverteilung – Aktienkurse zeigen in der Praxis Fat Tails (Extremereignisse häufiger als die Normalverteilung vorhersagt). Schwarze Schwäne (Black Swan Events) werden systematisch unterschätzt.

✗

Keine Dividenden – Das Basismodell berücksichtigt keine Ausschüttungen. Für dividendenzahlende Aktien wird eine modifizierte Version (Merton 1973) verwendet: S wird durch S·e−qT ersetzt (q = kontinuierliche Dividendenrendite).

✗

Kein vorzeitiges Ausüben – Das Modell gilt nur für europäische Optionen. Amerikanische Optionen mit Early-Exercise-Möglichkeit werden mit dem Binomialmodell oder Barone-Adesi-Whaley-Näherung bewertet.

✗

Kontinuierlicher, reibungsfreier Handel – Keine Transaktionskosten, kein Overnight-Gap-Risiko, kein Liquiditätsrisiko. Gaps nach Earnings/Nachrichten können zu Verlusten führen, die das Modell nicht erfasst.

✓

Bekannter, konstanter Zinssatz – Für kurzfristige Optionen (unter 90 DTE) ist diese Annahme meist hinreichend genau. Für LEAPS relevanter.

Die eigentliche Nutzung: In der Praxis wird Black-Scholes nicht direkt zur Preisberechnung verwendet – sondern umgekehrt: Der Marktpreis wird in das Modell eingesetzt, um die Implizite Volatilität (IV) herauszurechnen. IV ist damit die eigentliche Handelsgröße.

Implizite Volatilität (Implied Volatility – IV)

Die Implizite Volatilität ist die Volatilität, die man in das Black-Scholes-Modell einsetzen muss, damit der theoretische Preis dem Marktpreis entspricht. Sie ist die Markterwartung zukünftiger Kursschwankungen – kein historischer Wert.

IV = Numerisch gelöst aus:
Marktpreis = Black-Scholes(S, K, r, T, IV)

IV kann nicht analytisch hergeleitet werden – sie wird per iterativer Methode (Newton-Raphson-Algorithmus) aus dem beobachteten Marktpreis berechnet.

IV vs. Historische Volatilität (IV vs. HV / Realized Vol)

MerkmalImplizite Volatilität (IV)Historische Volatilität (HV / RV)
Was sie misst Zukünftig erwartete Schwankungsbreite Vergangene, realisierte Schwankungsbreite
Herkunft Aus Optionspreisen abgeleitet (Markt) Aus historischen Kursdaten berechnet
Zeitbezug Vorausschauend (forward-looking) Rückblickend (backward-looking)
Einheit % annualisiert (z.B. IV = 30 %) % annualisiert (z.B. 20-tägiges HV = 22 %)
Tageserwarteter Move Kurs × IV / √252 Berechnet aus Schlusskursrenditen
Steigt bei … Unsicherheit, Fear, bevorstehenden Events Tatsächlichen großen Kursbewegungen

Täglicher erwarteter Kursmove (Expected Daily Move)

Tages-Move ≈ S × IV / √252

Beispiel: Aktie bei 200 $, IV = 30 % →  200 × 0.30 / √252 ≈ 3.79 $ erwartete tägliche Schwankung (1 Standardabweichung, ~68 % der Tage).

Erwarteter Move bis Verfall (Expected Move to Expiration)

EM ≈ S × IV × √(DTE / 365)

Praxisnäherung: EM ≈ ATM-Straddle-Preis. Viele Trader lesen den EM direkt vom Optionschain ab – der Preis des ATM Straddles (Call + Put) ist eine gute Schätzung für den ±1σ-Bereich bis Verfall.

IV Rank & IV Percentile (IVR / IVP)

Eine IV von 35 % ist alleine bedeutungslos – ist das hoch oder niedrig für diese Aktie? IV Rank und IV Percentile setzen die aktuelle IV in einen historischen Kontext.

IV Rank (IVR)

IVR = (IVaktuell − IV52w-Tief) / (IV52w-Hoch − IV52w-Tief) × 100

Zeigt, wo die aktuelle IV relativ zu ihrer 52-Wochen-Spanne steht. IVR = 70 bedeutet: IV ist bei 70 % ihres Jahres-Maximalabstands.

IV Percentile (IVP)

Prozentsatz der Handelstage im letzten Jahr, an denen die IV niedriger war als heute. IVP = 80 → an 80 % der vergangenen Tage war IV niedriger.

Robuster als IVR bei Ausreißern (ein extremer Spike verfälscht IVR dauerhaft, IVP weniger).

IV Rank – visuelle Einordnung

Niedrig · Günstig für Käufer Hoch · Günstig für Verkäufer
IVR 0 – 30 IVR 30 – 50 IVR 50 – 70 IVR 70 – 100
→ Long Vega bevorzugt → Neutral → Short Vega bevorzugt (Prämienverkauf)
IVR / IVPIV-EinschätzungBevorzugte StrategieBeispiel
0 – 30 IV historisch niedrig Long Vega: Optionen kaufen Long Straddle, LEAPS Calls
30 – 50 IV neutral Kreditstrategien oder definiertes Risiko Spreads, Covered Call
50 – 100 IV historisch hoch Short Vega: Prämien verkaufen Short Strangle, Iron Condor, CSP

VIX – Der Fear Index

Der VIX (CBOE Volatility Index) misst die 30-tägige implizite Volatilität der S&P 500 Indexoptionen (SPX). Er gilt als Stimmungsindikator des Gesamtmarkts:

VIX < 15

Ruhig

Geringe Marktangst, Optionsprämien niedrig. Schwieriges Umfeld für Prämienverkäufer.

VIX 15 – 25

Normal

Normales Handelsumfeld. Balancierte Prämien für beide Seiten.

VIX 25 – 40

Erhöht

Starke Marktunsicherheit. Gute Bedingungen für Prämienverkäufer (höherer Edge).

VIX > 40

Extremes Fear

Krise/Crash. Sehr hohe Prämien – aber auch hohes Tail-Risk. Selektiv und klein handeln.

Volatility Smile & Skew (Volatility Smile / Put Skew)

Wenn Black-Scholes korrekt wäre, wäre die IV über alle Strikes gleich – eine horizontale Linie. In der Realität zeigt sie eine charakteristische Kurve, die als Volatility Smile oder Volatility Skew bezeichnet wird.

Implizite Volatilität vs. Strike – Equity Smirk

OTM Puts (linke Seite) haben systematisch höhere IV als ATM und OTM Calls. In Aktienmärkten entsteht ein "Smirk" oder "Skew" (kein symmetrischer Smile).

ATM 50 % 40 % 30 % 20 % OTM Put –20 % –10 % ATM +10 % +20 % OTM Call Equity Smirk (heute) Symmetr. Smile (prä-1987) Put Skew! IV (annualisiert) Strike →

Warum existiert der Put Skew?

1

Crash-Angst & Versicherungsnachfrage: Institutionelle Investoren kaufen OTM Puts systematisch als Portfolio-Absicherung (tail hedge). Hohe Nachfrage → höhere Prämie → höhere IV für OTM Puts.

2

Leverage-Effekt (Leverage Effect): Wenn Aktienkurse fallen, steigt der Fremdkapitalanteil der Unternehmen relativ, was die Unternehmens- volatilität erhöht. Negative Kurskorrelation mit Volatilität ist empirisch belegt.

3

Black-Monday-Schock (1987): Vor dem Crash von 1987 gab es keinen systematischen Skew. Seit dem plötzlichen 22 %-Einbruch hat der Markt dauerhaft Crash-Prämien in OTM Puts eingepreist.

Praktische Implikationen des Skews

PositionSkew-AuswirkungKonsequenz
Short OTM Put (z.B. CSP) Erhält höhere Prämie durch Skew Prämienverkäufer profitieren vom Put Skew
Long OTM Put (Absicherung) Zahlt Skew-Aufschlag Hedging ist teuer – besonders bei hohem IV Skew
Bull Put Spread Short-Leg teurer (höhere IV) als Long-Leg Netto-Kredit ist attraktiver als gleichwertiger Bull Call Spread
Risk Reversal Short Put + Long Call: Skew begünstigt die Short-Put-Seite Häufige Strategie bei bullisher Einschätzung

Volatilitätsterminstruktur (Volatility Term Structure)

IV variiert nicht nur über Strikes (Smile/Skew), sondern auch über verschiedene Verfallstermine. Die Darstellung der IV über alle Strikes und alle Laufzeiten ergibt die Volatilitätsoberfläche (Volatility Surface).

IV vs. Laufzeit – verschiedene Marktphasen

Normale Term Structure: längere Laufzeiten haben höhere IV. Invertierte Term Structure: kurzfristige IV übersteigt langfristige – typisch in Krisen.

7d 30d 60d 90d 180d 1J 60 % 45 % 30 % 15 % Normal (Contango) – ruhige Märkte Invertiert (Backwardation) – Krisenmodus Buckelform – Earnings im Frontmonat IV (annualisiert) DTE →
Term StructureMarktsituationStrategische Implikation
Normal (Contango) Ruhige Märkte, keine unmittelbaren Events Calendar Spreads: Short vordere, Long hintere Laufzeit
Invertiert (Backwardation) Krisen, Panik, VIX-Spike Vordere kurze Laufzeiten besonders teuer → ideal für kurzfristigen Prämienverkauf
Buckelig (Hump) Earnings im Frontmonat Earnings-Volatilität isolieren: Short im Earnings-Monat, Long in anderen Laufzeiten

Die Volatilitätsprämie (Volatility Risk Premium – VRP)

Eine der stabilsten empirischen Beobachtungen im Optionsmarkt: IV überschätzt systematisch die später tatsächlich realisierte Volatilität (HV). Diese Volatilitätsprämie ist der statistische Kern des Prämienverkaufs.

Kernbefund: Studien über Jahrzehnte zeigen, dass die 30-tägige implizite Volatilität (z.B. VIX) im Durchschnitt 3–5 Prozentpunkte über der realisierten 30-tägigen Volatilität liegt. Options-Verkäufer erhalten systematisch mehr Prämie als statistisch gerechtfertigt – das ist der „Edge" beim Prämienverkauf.

IV (VIX) vs. Realisierte Volatilität (RV) – schematisch

IV (blau/gold) liegt im Durchschnitt über der tatsächlich realisierten Volatilität (grün). Die Differenz ist die Volatilitätsprämie – sie fließt an den Prämienverkäufer.

50 % 35 % 20 % 10 % Implied Volatility (IV / VIX) Realisierte Volatilität (HV 30d) ← VRP (Volatilitätsprämie) Zeit →
⚡

VRP als Trading-Edge: Der langfristige Prämienverkauf (Short Strangles, Iron Condors, Short Puts bei hohem IVR) nutzt diese statistische Tendenz aus. Das Risiko: Der VRP kann kurzfristig negativ werden – bei Marktschocks ist die realisierte Vol oft höher als die IV es erwartet hatte (vol spikes).

Alternativen & Erweiterungen (Beyond Black-Scholes)

ModellKernideeVorteil gegenüber BSAnwendung
Binomialmodell
(Cox-Ross-Rubinstein)
Diskrete Preisbäume: Kurs kann in jedem Schritt rauf oder runter Unterstützt Early Exercise → korrekte Preisfindung für amerikanische Optionen US-Aktienoptionen, Dividenden-adjustiert
Heston-Modell Stochastische Volatilität (mean-reverting random walk) Erklärt Volatility Smile / Skew endogen Exotische Optionen, Volatilitätsderivate
SABR-Modell Stochastische Volatilität mit Korrelation zu Kursänderungen Industrie-Standard für Interest-Rate Options und FX Zinsderivate, FX-Optionen
Local Vol-Modell
(Dupire, Derman-Kani)
σ ist eine deterministische Funktion von S und t Kalibriert exakt auf die gesamte observierte Vol-Surface Strukturierte Produkte, Barrier Options
Jump-Diffusion
(Merton, Bates)
Normaler Kurs-Prozess + diskrete Sprünge (jumps) Erfasst Fat Tails und Crash-Risiken besser Crash-Hedging, Equity Tail Risk
Für Retail-Trader: Das direkte Black-Scholes-Modell reicht für alle Standardstrategien vollständig aus. Die Alternativen sind primär für Market-Maker, Volatilitätsfonds und die Bewertung exotischer Derivate relevant. Das Wichtigste bleibt das Verständnis der Implied Volatility als Hauptgröße.
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