02 Die Griechen

Die Griechen (The Greeks)

Sensitivitäten des Optionspreises – das Herzstück professionellen Optionshandels.

Übersicht (Overview)

Die Griechen (Greeks) messen, wie sensitiv der Optionspreis auf Veränderungen verschiedener Marktparameter reagiert. Sie sind partielle Ableitungen der Optionspreisfunktion – jeder Greek quantifiziert genau eine Risikokomponente.

Greek Symbol Misst Sensitivität gegenüber … Long Call Long Put Einheit (Beispiel)
Delta Δ Kursänderung des Basiswerts 0 bis +1 −1 bis 0 $/$ (pro $1 Kursbewegung)
Gamma Γ Veränderung des Deltas + + Δ/$1 Kursbewegung
Theta Θ Zeitablauf (pro Tag) − − $/Kalendertag
Vega V Implizite Volatilität (+1 % IV) + + $ pro 1 %-Punkt IV
Rho ρ Risikoloser Zinssatz (+1 %) + − $ pro 1 %-Punkt Zinssatz
Vorzeichen-Konvention: Alle Greeks werden aus Käufer-Perspektive (long) angegeben. Short-Positionen kehren das Vorzeichen um – ein Short Put hat negatives Theta (du bist der Verkäufer, also positives Theta aus Handelsplattform-Sicht). Broker zeigen Greeks meist aus Positionssicht.
Δ

Delta

Erste Ableitung nach dem Kurs des Basiswerts

∂V / ∂S — Preisänderung der Option bei $1 Bewegung im Basiswert

Wertebereich

–1
Put: −1 bis 0
0
Call: 0 bis +1
+1
Call-Delta immer positiv, Put-Delta immer negativ (für Long-Positionen)

Deep ITM Call

Δ ≈ +1.00

Verhält sich wie 100 Aktien. Jeder $1 Kursanstieg = $1 Optionsgewinn.

ATM Call

Δ ≈ +0.50

Jeder $1 Kursanstieg = ~$0.50 Optionsgewinn. Entspricht 50 Aktien.

OTM Call

Δ ≈ +0.20

Geringe Kurssensitivität, aber günstigere Prämie. Hohe Hebelwirkung.

ATM Put

Δ ≈ −0.50

Jeder $1 Kursrückgang = ~$0.50 Optionsgewinn. Entspricht Short 50 Aktien.

Delta vs. Aktienkurs (Delta Curve)

S-Kurven-Verlauf für Call und Put Delta bei konstantem DTE und IV

+1.00 0 −1.00 OTM Put ATM Deep ITM Call S = K Call Δ Put Δ Delta Kurs →

Delta als Wahrscheinlichkeitsschätzung (Probability Proxy)

Das Delta einer Option entspricht näherungsweise der Wahrscheinlichkeit, dass die Option bei Verfall in the money endet. Ein Δ 0.30 Call hat eine ca. 30%ige Chance, bei Verfall ITM zu sein. Diese Näherung ist unter dem Black-Scholes-Modell formal korrekt – genauer wäre N(d₂), aber Δ ≈ N(d₁) wird in der Praxis verwendet.

Positionales Delta (Position Delta)

Position Delta = Δ der Option × Anzahl Kontrakte × 100

Ein Long Call mit Δ 0.40 auf 2 Kontrakte entspricht einem Exposure von 0.40 × 2 × 100 = 80 synthetischen Aktien. Dieses Konzept ist zentral für delta hedging und die Steuerung des Gesamtrisikos eines Options-Portfolios.

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Practical: Bei Covered Calls (short call auf eigene Aktien) berechnet sich das Netto-Delta als 1.00 (Aktie) − |Δ Call|. Bei Δ 0.30 Short Call + 100 Aktien = Netto-Δ 0.70 – du partizipierst nur zu 70 % an einer Kursbewegung.

Γ

Gamma

Zweite Ableitung nach dem Kurs – Veränderungsrate des Deltas

∂²V / ∂S² = ∂Δ / ∂S — Wie stark ändert sich Delta bei $1 Kursbewegung?
Vorzeichen: Gamma ist für alle Long-Optionen (Calls und Puts) immer positiv. Für Short-Positionen immer negativ. Ein positives Gamma ist vorteilhaft: Bei Kursbewegungen in deine Richtung wächst das Delta automatisch, gegen dich schrumpft es.

Gamma vs. Aktienkurs

Glockenform · Maximum bei ATM · Steigt mit kürzerem DTE

ATM Kurs → Γ 7 DTE 45 DTE 90 DTE
Gamma steigt bei kurzer Laufzeit

Gamma-Risiko für Short-Positionen

Negative Gamma = Verlustbeschleunigung bei großen Moves

Long Γ (Käufer) Short Γ (Verkäufer) ATM Kurs → P&L
Long Γ: profitiert von Volatilität
Short Γ: leidet bei großen Moves

Gamma-Risiko (Gamma Risk / Pin Risk)

Für Option Seller ist negatives Gamma das Hauptrisiko. Je näher am Verfallstag und je näher der Kurs am Strike, desto schneller ändert sich das Delta – ein unerwünschter großer Move führt zu exponentiell wachsenden Verlusten. Dieses Phänomen wird als Gamma Squeeze bezeichnet.

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21-DTE-Regel: Viele professionelle Options-Verkäufer schließen Positionen bei 21 DTE, um dem exponentiell wachsenden Gamma-Risiko der letzten drei Wochen zu entkommen – obwohl noch ca. 50 % des Theta-Decay fehlt.

Θ

Theta

Zeitwertverlust pro Kalendertag

∂V / ∂t — Preisrückgang der Option pro verstrichenem Tag (bei sonst gleichem Markt)
Vorzeichen: Theta ist für Long-Optionen (Calls und Puts) immer negativ – du verlierst täglich Wert. Für Short-Optionen positiv – Zeit arbeitet für den Verkäufer.

Theta Decay über die Zeit

Exponentielle Beschleunigung Richtung Verfall (DTE → 0)

90 DTE 45 DTE 7 DTE 0 |Θ| ATM ITM OTM Gamma-Spike!

Theta vs. Aktienkurs

Höchster Zeitwertverlust bei ATM-Optionen

ATM OTM ITM Kurs → |Θ| Max. Theta hier

Theta-Gamma-Trade-off (Theta vs. Gamma)

Theta und Gamma sind die beiden gegenläufigen Kräfte im Optionshandel. Long-Optionen haben positives Gamma (profitieren von Volatilität), zahlen aber Theta. Short-Optionen verdienen Theta, sind aber negatives Gamma ausgesetzt.

PositionGammaThetaVorteil bei …Risiko bei …
Long Option (Call/Put) +Γ −Θ Großen Kursbewegungen (hohe realisierte Vol.) Seitwärtsbewegung / Zeitverfall
Short Option (Call/Put) −Γ +Θ Seitwärtsbewegung / niedriger realisierter Vol. Großen, unerwarteten Kursbewegungen
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Wochenend-Theta: Theta wird als Tageswert angegeben, aber die Börsen sind Sa/So geschlossen. Viele Broker buchen das Wochenend-Theta bereits am Freitag oder verteilen es auf Freitag–Montag. Bei 45 DTE verfallen oft ~6 % der gesamten Theta-Einnahmen über das Wochenende.

V

Vega

Sensitivität gegenüber impliziter Volatilität

∂V / ∂σ — Preisänderung der Option bei +1 %-Punkt Änderung der Implied Volatility (IV)
Vorzeichen: Vega ist für alle Long-Optionen (Calls und Puts) positiv. Steigende IV erhöht die Prämie – unabhängig von der Kursrichtung. Für Short-Positionen negativ.

Vega vs. Aktienkurs – verschiedene Laufzeiten

Vega sinkt mit abnehmender Restlaufzeit (DTE). Höchster Vega bei ATM.

ATM Kurs → Vega 90 DTE (höchste Vega) 45 DTE 21 DTE (niedrigste Vega)

Implied Volatility und Optionsprämie

Vega erklärt, warum Optionen vor Earnings teurer sind: Die Markterwartung einer großen Kursbewegung treibt die Implied Volatility (IV) in die Höhe, was alle Optionsprämien erhöht – unabhängig davon, ob man einen Call oder Put kauft.

SzenarioIV-BewegungLong-OptionShort-OptionTypischer Kontext
IV Expansion IV steigt ↑ Prämie steigt ↑ Buchverlust ↓ Vor Earnings, Krisen, Nachrichten
IV Crush IV fällt ↓ Prämie fällt ↓ Buchgewinn ↑ Nach Earnings-Veröffentlichung
IV Mean Reversion IV normalisiert sich Neutral → bearish Neutral → bullish Nach extrem hoher/niedriger Vol.
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Earnings Plays: Wer Optionen vor Earnings kauft (Long Straddle/Strangle), setzt auf steigende IV + eine große Kursbewegung. Wer nach Earnings verkauft (Short Straddle), setzt auf IV Crush. Letzteres ist statistisch häufiger profitabel – aber mit Tail-Risk verbunden.

ρ

Rho

Sensitivität gegenüber dem risikolosen Zinssatz

∂V / ∂r — Preisänderung der Option bei +1 %-Punkt Änderung des risikolosen Zinssatzes
PositionRhoWirkung bei steigenden Zinsen
Long Call Positiv Prämie steigt leicht
Long Put Negativ Prämie fällt leicht

Rho ist für kurzfristige Optionen (unter 90 DTE) praktisch vernachlässigbar. Bei LEAPS (1–3 Jahre Laufzeit) kann Rho jedoch signifikant werden, besonders in Phasen rasanter Zinswechsel wie 2022–2023. Für die meisten kurzfristigen Strategien ist Rho der am wenigsten relevante Greek.

Greeks höherer Ordnung (Second-Order Greeks)

Für professionelle Market-Maker und komplexe Portfolio-Hedges sind auch die Greeks zweiter Ordnung relevant:

GreekDefinitionPraktische Bedeutung
Charm (Delta Decay) ∂Δ / ∂t — wie schnell sich Delta über Zeit ändert Delta-Hedging über Nacht / Wochenende; relevante für Overnight-Positionen
Vanna ∂Δ / ∂σ = ∂V / ∂S∂σ — Sensitivität des Deltas gegenüber IV Bei IV-Spikes ändert sich auch das Delta – wichtig für dynamisches Hedging
Volga (Vomma) ∂Vega / ∂σ — Sensitivität des Vegas gegenüber IV-Änderung Relevant für Volatility-Trades; erklärt den Volatility Smile
Speed ∂Γ / ∂S — wie schnell sich Gamma ändert Für Gamma-Scalping und Pin-Risk-Analysen nahe Verfall
Für Retail-Trader reicht das Verständnis der fünf Haupt-Greeks vollständig aus. Höhere Greeks werden vor allem von Market-Makern und Volatilitätsfonds genutzt.

Greeks im Zusammenspiel (Greeks Interplay)

Portfolio-Greeks (Position Greeks)

Im Portfolio-Handel addieren sich die Greeks aller Positionen zum Net Greek des Gesamtportfolios. Ein Options-Händler steuert typischerweise drei Risikodimensionen gleichzeitig:

ZielMaßnahmeInstrument
Delta-neutral werden Position Delta auf ≈ 0 bringen Aktien kaufen/verkaufen oder gegenläufige Option
Theta maximieren Short-Optionen in liquiden Märkten Iron Condor, Short Strangles bei hoher IV
Vega reduzieren Spreads statt Naked Optionen Bull Put Spread, Bear Call Spread (Vega-neutral)

Schnellreferenz: Greeks auf einen Blick

Δ · Meine Position hedgen?

Net Delta anschauen → bei zu hohem Exposure Aktien oder Gegenpositionen einsetzen. Delta < 0.30 für defensive Positionen.

Γ · Bin ich gamma-gefährdet?

Short Gamma + unter 21 DTE + nahe ATM = höchstes Risiko. Positionen schließen oder Strike-Abstand erhöhen.

Θ · Wann verdiene ich am meisten?

Theta-Einnahmen steigen in den letzten 45–21 DTE stark. ATM hat höchsten Theta, OTM niedriger aber sicherer.

V · Earnings-Trade geplant?

IV Rank (IVR) prüfen. IVR > 50 → eher short Vega (Short Strangle). IVR < 30 → eher long Vega (Long Straddle).

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