Trendanalyse & Marktstruktur (Market Structure)
Trends objektiv identifizieren, Brüche erkennen und die Marktstruktur als Grundlage aller Einstiege nutzen.
Markttechnik (Market Technics)
Die Markttechnik nach Voigt – ursprünglich von Charles H. Dow publiziert – bietet eine objektive, subjektivitätsfreie Methode zur Trenddefinition. Anders als Trendlinien oder Indikatoren basiert sie ausschließlich auf der Abfolge von Hochs (highs) und Tiefs (lows).
Drei Methoden der Trendvisualisierung
1. Trendlinien (Trend Lines)
Verbindung von mindestens 2 Tiefs (Aufwärtstrend) oder Hochs (Abwärtstrend). Nachteil: Stark subjektiv, führt zu „Fächerbildung" bei zunehmendem Momentum. Schwer in mechanische Systeme integrierbar.
2. Indikatoren (Moving Averages etc.)
Gleitende Durchschnitte (GD/MA) oder Oszillatoren bilden Trends ab. Nachteil: Zeitverzögerung (lag), Fehlsignale in Seitwärtsphasen. Objektiv, aber nicht vorausschauend.
3. Markttechnik ✓ (Price Action Structure)
Definition über Hochs und Tiefs. Vorteil: Vollständig objektiv, kein Lag, eindeutige Stopp-Punkte durch den Markt selbst vorgegeben. Grundlage des modernen Price-Action-Tradings.
Trendtypen & ihre Definition
Aufwärtstrend (Uptrend)
Definition: Abwechselnde Folge aus höheren Hochs (Higher Highs, HH) und höheren Tiefs (Higher Lows, HL).
Jedes neue Hoch übertrifft das vorherige Hoch. Jedes neue Tief liegt höher als das vorherige Tief. Solange kein vorheriges Tief unterschritten wird, ist der Trend intakt.
Abwärtstrend (Downtrend)
Definition: Abwechselnde Folge aus tieferen Tiefs (Lower Lows, LL) und tieferen Hochs (Lower Highs, LH).
Jedes neue Tief unterschreitet das vorherige Tief. Jedes neue Hoch liegt tiefer als das vorherige Hoch. Solange kein vorheriges Hoch überschritten wird, ist der Abwärtstrend intakt.
Seitwärtstrend (Consolidation / Ranging)
Definition: Gleichbleibende Hochs und gleichbleibende Tiefs – der Markt bewegt sich in einer Schiebezone (trading range) ohne klare Richtung.
Kein Aufwärts- oder Abwärtstrend. Der Markt akkumuliert oder distribuiert Positionen. Oft Vorstufe einer starken Bewegung. In Seitwärtsphasen: kein Trendfolge-Trading.
Swing Highs & Swing Lows
Swing Highs (lokale Hochs) und Swing Lows (lokale Tiefs) sind die Bausteine der Marktstruktur. Sie markieren Wendepunkte, an denen der Markt seine Richtung temporär geändert hat.
| Begriffe | Definition | Relevanz |
|---|---|---|
| Swing High (SH) | Lokales Hoch mit mindestens einer tieferen Kerze links und rechts | Resistance, Supply-Zone-Referenz, Stop-Loss für Short-Trades |
| Swing Low (SL) | Lokales Tief mit mindestens einer höheren Kerze links und rechts | Support, Demand-Zone-Referenz, Stop-Loss für Long-Trades |
| Higher High (HH) | Swing High liegt über dem vorherigen Swing High | Bestätigt Aufwärtstrend |
| Higher Low (HL) | Swing Low liegt über dem vorherigen Swing Low | Bestätigt Aufwärtstrend; Stopp-Niveau für Long-Trades |
| Lower High (LH) | Swing High liegt unter dem vorherigen Swing High | Bestätigt Abwärtstrend |
| Lower Low (LL) | Swing Low liegt unter dem vorherigen Swing Low | Bestätigt Abwärtstrend; Stopp-Niveau für Short-Trades |
Break of Structure (BOS)
Ein Break of Structure entsteht, wenn der Kurs ein relevantes Swing High (im Aufwärtstrend) oder ein relevantes Swing Low (im Abwärtstrend) durchbricht. Dies ist das Signal für eine Trendfortsetzung oder -wende.
Bullischer BOS
Im Aufwärtstrend: Kurs bricht über das letzte Swing High. Bestätigt die Fortsetzung des Aufwärtstrends (trend continuation). Entry-Signal für Long-Trades.
Bärischer BOS
Im Abwärtstrend: Kurs bricht unter das letzte Swing Low. Bestätigt die Fortsetzung des Abwärtstrends. Entry-Signal für Short-Trades.
Change of Character (CHoCH)
Im Aufwärtstrend: Kurs bricht unter das letzte Higher Low → Trendwechsel-Signal (bullisch → bärisch). Im Abwärtstrend: Kurs bricht über das letzte Lower High → Trendwechsel-Signal (bärisch → bullisch).
BOS im Trading nutzen
| Situation | Maßnahme | Hintergrund |
|---|---|---|
| Aufwärtstrend, Kurs läuft in Supply Zone zurück | Auf BOS nach unten warten → kein Long mehr | Trend könnte drehen, Struktur ist gefährdet |
| Aufwärtstrend, BOS nach oben bestätigt | Long-Entry bei Rücksetzer in Demand Zone | Trendfortsetzung bestätigt, günstiger Einstieg gesucht |
| BOS nach unten + niedriges Tief = CHoCH | Long-Positionen schließen, Short aufbauen | Trendwechsel vollzogen, neue Richtung beginnt |
| Stop-Loss nachziehen | Nach jedem neuen BOS Stop unter neues HL ziehen | Marktstruktur sichert die Position |
Trends in Trends (Multi-Timeframe Structure)
Jeder Trend enthält in einem niedrigeren Timeframe kleinere Trends. Diese fraktale Natur der Märkte ist die Grundlage der Multi-Timeframe-Analyse (MTF Analysis).
| Timeframe-Hierarchie | Rolle | Beispiel |
|---|---|---|
| Makro-Trend (Monthly/Weekly) | Übergeordnete Richtung – „Wo geht die Reise hin?" | BTC im monatlichen Aufwärtstrend seit 2023 |
| Meso-Trend (Daily/H4) | Taktische Richtung – Supply/Demand-Zonen markieren | EUR/USD H4 in Korrekturphase innerhalb Makro-Trend |
| Mikro-Trend (H1/15m) | Einstiegsebene – präzise Entry-Suche | 15m Aufwärtstrend = Long-Einstieg in Richtung H4-Ziel |
Trendblöcke darstellen
Zur Visualisierung der Trendstruktur können Trendblöcke (structure blocks) eingezeichnet werden: Rechtecke, die von Swing Low zu Swing High (bullisch) oder von Swing High zu Swing Low (bärisch) reichen. Diese Blöcke machen die Trendstruktur sofort sichtbar und zeigen gleichzeitig potenzielle Supply/Demand-Zonen.
Marktphasen (Market Phases)
Expansion / Impuls (Impulse Move)
Starke, zügige Kursbewegung in Trendrichtung. Oft mit großen Kerzen (Marubozu) und hohem Volumen. Kein günstiger Einstiegspunkt – man sollte nicht in einen laufenden Impuls einsteigen.
Korrektur / Konsolidierung (Retracement / Consolidation)
Gegenbewegung nach einem Impuls. Kleiner Körper, gemischte Richtungen, niedrigeres Volumen. Hier entstehen Supply/Demand-Zonen. Günstiger Einstiegspunkt für Trendfolge-Trades.
Distribution / Akkumulation (Sideways Range)
Längere Seitwärtsbewegung nach einer Trendphase. Große Marktteilnehmer bauen heimlich Positionen auf (Akkumulation) oder ab (Distribution). Wyckoff-Methode erklärt diesen Prozess detailliert.
Liquidität & Liquidity Grabs (Liquidity)
Institutionelle Marktteilnehmer benötigen enorme Liquidität, um ihre großen Positionen zu füllen. Sie „greifen" nach Liquidität dort, wo sich viele Stop-Loss-Orders angesammelt haben.
Wo liegt Liquidität?
- Unter bekannten Swing Lows (viele Buy-Stops dort)
- Über bekannten Swing Highs (viele Sell-Stops dort)
- An runden Zahlen (Psychological Levels)
- Unter/über Konsolidierungszonen
- An wichtigen Support/Resistance-Niveaus
Liquidity Grab / Stop Hunt
Der Kurs durchbricht kurz ein bekanntes Niveau, löst dort Stop-Orders aus (= erzeugt Liquidität) und dreht dann schnell um. Dies ist kein Zufall, sondern institutionelles Verhalten. Erkennbar an: kurzer Spike durch ein Niveau + sofortige Umkehr = langer Wick im Chart.
Zusammenfassung: Trendvisualisierung
| Methode | Vorteile | Nachteile | Empfehlung |
|---|---|---|---|
| Trendlinien | Visuell intuitiv | Subjektiv, Fächerbildung, kein eindeutiger Stopp | Nur als ergänzender Filter |
| Moving Average (GD) | Objektiv, kein Interpretationsspielraum | Lag, Fehlsignale in Seitwärtsphasen | Nur als Trendfilter, nicht als Entry-Signal |
| Markttechnik (HH/HL/LL/LH) | Objektiv, präzise Stopp-Niveaus, kein Lag | Erfordert Übung in der Identifikation | Primäre Methode für alle Trend-Entscheidungen |