03 Marktstruktur

Trendanalyse & Marktstruktur (Market Structure)

Trends objektiv identifizieren, Brüche erkennen und die Marktstruktur als Grundlage aller Einstiege nutzen.

Markttechnik (Market Technics)

Die Markttechnik nach Voigt – ursprünglich von Charles H. Dow publiziert – bietet eine objektive, subjektivitätsfreie Methode zur Trenddefinition. Anders als Trendlinien oder Indikatoren basiert sie ausschließlich auf der Abfolge von Hochs (highs) und Tiefs (lows).

Warum Markttechnik? Trendlinien sind subjektiv (jeder Trader zeichnet sie anders), Indikatoren verzögern. Die markttechnische Trenddefinition ist für alle Marktteilnehmer identisch – sie schafft eine gemeinsame, eindeutige Grundlage.

Drei Methoden der Trendvisualisierung

1. Trendlinien (Trend Lines)

Verbindung von mindestens 2 Tiefs (Aufwärtstrend) oder Hochs (Abwärtstrend). Nachteil: Stark subjektiv, führt zu „Fächerbildung" bei zunehmendem Momentum. Schwer in mechanische Systeme integrierbar.

2. Indikatoren (Moving Averages etc.)

Gleitende Durchschnitte (GD/MA) oder Oszillatoren bilden Trends ab. Nachteil: Zeitverzögerung (lag), Fehlsignale in Seitwärtsphasen. Objektiv, aber nicht vorausschauend.

3. Markttechnik ✓ (Price Action Structure)

Definition über Hochs und Tiefs. Vorteil: Vollständig objektiv, kein Lag, eindeutige Stopp-Punkte durch den Markt selbst vorgegeben. Grundlage des modernen Price-Action-Tradings.

Trendtypen & ihre Definition

Aufwärtstrend (Uptrend)

Definition: Abwechselnde Folge aus höheren Hochs (Higher Highs, HH) und höheren Tiefs (Higher Lows, HL).

Jedes neue Hoch übertrifft das vorherige Hoch. Jedes neue Tief liegt höher als das vorherige Tief. Solange kein vorheriges Tief unterschritten wird, ist der Trend intakt.

HL HL HL HH HH

Abwärtstrend (Downtrend)

Definition: Abwechselnde Folge aus tieferen Tiefs (Lower Lows, LL) und tieferen Hochs (Lower Highs, LH).

Jedes neue Tief unterschreitet das vorherige Tief. Jedes neue Hoch liegt tiefer als das vorherige Hoch. Solange kein vorheriges Hoch überschritten wird, ist der Abwärtstrend intakt.

LH LH LH LL LL

Seitwärtstrend (Consolidation / Ranging)

Definition: Gleichbleibende Hochs und gleichbleibende Tiefs – der Markt bewegt sich in einer Schiebezone (trading range) ohne klare Richtung.

Kein Aufwärts- oder Abwärtstrend. Der Markt akkumuliert oder distribuiert Positionen. Oft Vorstufe einer starken Bewegung. In Seitwärtsphasen: kein Trendfolge-Trading.

Die Stoppmarke gibt der Markt vor: Im Aufwärtstrend liegt der Stopp unter dem letzten Tief (Higher Low). Im Abwärtstrend über dem letzten Hoch (Lower High). Dieser Stopp wird mit jedem neuen Hoch/Tief nachgezogen. So bestimmt der Markt selbst, wo eine Position geschlossen wird.

Swing Highs & Swing Lows

Swing Highs (lokale Hochs) und Swing Lows (lokale Tiefs) sind die Bausteine der Marktstruktur. Sie markieren Wendepunkte, an denen der Markt seine Richtung temporär geändert hat.

BegriffeDefinitionRelevanz
Swing High (SH) Lokales Hoch mit mindestens einer tieferen Kerze links und rechts Resistance, Supply-Zone-Referenz, Stop-Loss für Short-Trades
Swing Low (SL) Lokales Tief mit mindestens einer höheren Kerze links und rechts Support, Demand-Zone-Referenz, Stop-Loss für Long-Trades
Higher High (HH) Swing High liegt über dem vorherigen Swing High Bestätigt Aufwärtstrend
Higher Low (HL) Swing Low liegt über dem vorherigen Swing Low Bestätigt Aufwärtstrend; Stopp-Niveau für Long-Trades
Lower High (LH) Swing High liegt unter dem vorherigen Swing High Bestätigt Abwärtstrend
Lower Low (LL) Swing Low liegt unter dem vorherigen Swing Low Bestätigt Abwärtstrend; Stopp-Niveau für Short-Trades
Tipp – Wicks ausblenden (Trick 17): Für eine saubere Swing-H/L-Analyse kann man temporär auf Liniencharts (line charts) oder auf Close-only-Kerzen wechseln. Dabei werden die Wicks ausgeblendet, und die Struktur wird klarer erkennbar. Swing-Punkte werden dann am Körper definiert, nicht am Wick-Extrempunkt.

Break of Structure (BOS)

Ein Break of Structure entsteht, wenn der Kurs ein relevantes Swing High (im Aufwärtstrend) oder ein relevantes Swing Low (im Abwärtstrend) durchbricht. Dies ist das Signal für eine Trendfortsetzung oder -wende.

Bullischer BOS

Im Aufwärtstrend: Kurs bricht über das letzte Swing High. Bestätigt die Fortsetzung des Aufwärtstrends (trend continuation). Entry-Signal für Long-Trades.

Bärischer BOS

Im Abwärtstrend: Kurs bricht unter das letzte Swing Low. Bestätigt die Fortsetzung des Abwärtstrends. Entry-Signal für Short-Trades.

Change of Character (CHoCH)

Im Aufwärtstrend: Kurs bricht unter das letzte Higher Low → Trendwechsel-Signal (bullisch → bärisch). Im Abwärtstrend: Kurs bricht über das letzte Lower High → Trendwechsel-Signal (bärisch → bullisch).

BOS im Trading nutzen

SituationMaßnahmeHintergrund
Aufwärtstrend, Kurs läuft in Supply Zone zurück Auf BOS nach unten warten → kein Long mehr Trend könnte drehen, Struktur ist gefährdet
Aufwärtstrend, BOS nach oben bestätigt Long-Entry bei Rücksetzer in Demand Zone Trendfortsetzung bestätigt, günstiger Einstieg gesucht
BOS nach unten + niedriges Tief = CHoCH Long-Positionen schließen, Short aufbauen Trendwechsel vollzogen, neue Richtung beginnt
Stop-Loss nachziehen Nach jedem neuen BOS Stop unter neues HL ziehen Marktstruktur sichert die Position

Marktphasen (Market Phases)

Expansion / Impuls (Impulse Move)

Starke, zügige Kursbewegung in Trendrichtung. Oft mit großen Kerzen (Marubozu) und hohem Volumen. Kein günstiger Einstiegspunkt – man sollte nicht in einen laufenden Impuls einsteigen.

Korrektur / Konsolidierung (Retracement / Consolidation)

Gegenbewegung nach einem Impuls. Kleiner Körper, gemischte Richtungen, niedrigeres Volumen. Hier entstehen Supply/Demand-Zonen. Günstiger Einstiegspunkt für Trendfolge-Trades.

Distribution / Akkumulation (Sideways Range)

Längere Seitwärtsbewegung nach einer Trendphase. Große Marktteilnehmer bauen heimlich Positionen auf (Akkumulation) oder ab (Distribution). Wyckoff-Methode erklärt diesen Prozess detailliert.

Bewegung & Korrektur nach Voigt: Der Trendaufbau gleicht einem Ball, der eine Treppe hinabgeworfen wird. Jeder Aufprall (Impulsbewegung) folgt ein Rückprall (Korrektur/Retracement). Die Rückpraller werden im Laufe des Trends kleiner – solange der Ball vorwärts rollt, ist der Trend intakt.

Liquidität & Liquidity Grabs (Liquidity)

Institutionelle Marktteilnehmer benötigen enorme Liquidität, um ihre großen Positionen zu füllen. Sie „greifen" nach Liquidität dort, wo sich viele Stop-Loss-Orders angesammelt haben.

Wo liegt Liquidität?

  • Unter bekannten Swing Lows (viele Buy-Stops dort)
  • Über bekannten Swing Highs (viele Sell-Stops dort)
  • An runden Zahlen (Psychological Levels)
  • Unter/über Konsolidierungszonen
  • An wichtigen Support/Resistance-Niveaus

Liquidity Grab / Stop Hunt

Der Kurs durchbricht kurz ein bekanntes Niveau, löst dort Stop-Orders aus (= erzeugt Liquidität) und dreht dann schnell um. Dies ist kein Zufall, sondern institutionelles Verhalten. Erkennbar an: kurzer Spike durch ein Niveau + sofortige Umkehr = langer Wick im Chart.

Privatanleger-Falle: Wenn alle den gleichen Stop-Loss unter einem offensichtlichen Swing Low setzen, wird dieser Level zum Magneten für institutionelle Spieler. Der Markt läuft kurz darunter, räumt die Stops ab, und dreht dann in die ursprüngliche Richtung. Stops deshalb nicht direkt an das offensichtliche Niveau, sondern mit etwas Abstand setzen.

Zusammenfassung: Trendvisualisierung

MethodeVorteileNachteileEmpfehlung
Trendlinien Visuell intuitiv Subjektiv, Fächerbildung, kein eindeutiger Stopp Nur als ergänzender Filter
Moving Average (GD) Objektiv, kein Interpretationsspielraum Lag, Fehlsignale in Seitwärtsphasen Nur als Trendfilter, nicht als Entry-Signal
Markttechnik (HH/HL/LL/LH) Objektiv, präzise Stopp-Niveaus, kein Lag Erfordert Übung in der Identifikation Primäre Methode für alle Trend-Entscheidungen
Kernaussage: Der Trend ist solange intakt, wie kein vorheriges strukturelles Tief (Aufwärtstrend) bzw. Hoch (Abwärtstrend) gebrochen wird. Erst ein bestätigter Strukturbruch (BOS / CHoCH) gibt Anlass zur Richtungsänderung. Diese Logik ist die Basis für alle Entry-, Exit- und Stop-Entscheidungen.
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